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Interview mit Anne Schrodt, Animal Protection Aegina & Agistri

Februar 5th, 2012 · Keine Kommentare

So sieht nachhaltiger Tierschutz aus. Ein Interview mit Anne Schrodt, die zusammen mit ihrem Mann Jürgen ehrenamtlich für den Tierschutzverein Animal Protection Aegina & Agistri arbeitet.

Ihr Verein Animal Protection Aegina & Agistri betreibt seit einigen Jahren auf der griechischen Insel Aegina ein Tierheim. Wie kam es zu dieser Initiative?

Unser Verein wurde im April 2005 von Mitgliedern des damaligen Teams gegründet, um das Fortbestehen des damaligen Tierheims sicherzustellen für den Fall, dass Frau Wolff, Hauptgesellschafterin der gemeinnützigen Gesellschaft ANIMAL RESPECT und Leiterin des Tierheims, ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen kann oder möchte. Der Verein Animal Protection hat seit seiner Gründung Animal Respect unterstützt und mit Hilfe griechischer Spender und einer griechischen Stiftung u.a. für bauliche Verbesserungen im Tierheim gesorgt. Nachdem Frau Wolff die gemeinnützige Gesellschaft Animal Respect zum Jahresende 2007 aufgelöst hatte, übernahm wie vorgesehen ANIMAL PROTECTION die Leitung des Tierheims.

Tierheime sind in Griechenland nicht gerade üblich. Hunde und Katzen werden lieber sich selbst überlassen. Wie ist die Situation im Moment?

Die Situation der Tiere in Griechenland und natürlich auch auf Aegina ist verheerend. Man bringt ihnen keinerlei Respekt entgegen. Sie werden vergiftet, erschlagen, aufgehängt oder fristen ihr Dasein an einer kurzen Kette, oftmals in der prallen Sonne, ohne Wasser, ohne Futter. Die Bevölkerung hat kein Bewusstsein für die Bedürfnisse ihrer Hunde, behandelt sie wie Müll. In unserem Tierheim finden sie Schutz, werden medizinisch versorgt, erhalten Futter und werden vor allem kastriert. Die Kastration der Straßentiere ist eines unserer wichtigsten Anliegen. Denn nur so ist die Population in den Griff zu bekommen.

Die Kastration von Haustieren war in Südeuropa immer schon ein heißes Eisen. Daran hat sich sicher wenig geändert?

Stimmt! Für die meisten ist eine Kastration ihres Tieres undenkbar. Die sollen doch auch ihren Spaß haben, sagen sie und lassen ihre Hunde und Katzen frei laufen und sich ungehindert vermehren. Die Welpen werden dann in der Mülltonne entsorgt, ausgesetzt oder in einem Pappkarton dem Meer überlassen. Natürliche Auslese heißt das dann. Immerhin habe man den Welpen ein Chance gegeben zu überleben. Es wurden auch schon Mütter mit ihren Welpen in tiefen Erdlöchern gefunden. Dort hat man sie entsorgt. Die haben kaum eine Chance auf Rettung. Es gibt aber auch ein paar, bei denen unsere Aufklärungsarbeit schon gefruchtet hat. Die haben ihre Haustiere zu uns gebracht und sie kastrieren lassen. Das sind so die kleinen Erfolgserlebnisse, von denen wir hier zehren.

Ihr erklärt den Menschen, wieso die Kastration ihrer Hunde und Katzen so wichtig ist?

Ja, wir informieren die Bevölkerung z. B. darüber, dass sie ihr Tier kastrieren lassen sollen und weiteres Elend zu vermeiden. Das Streunerproblem kann man nur in den Griff bekommen, wenn man kastriert

Und das kommt an?

Schleppend, sehr schleppend! Aber an der Tatsache, dass zwischenzeitlich einige wenige Tierbesitzer ihre Tiere zu uns zum kastrieren bringen merken wir, dass ein Umdenken stattfindet.

Das Bewusstsein der Griechen für die Bedürfnisse ihrer Tiere ist nicht sehr ausgeprägt. Grausamste  Tierquälereien und mangelnde Versorgung bestimmen den Alltag vieler Hunde und Katzen hier. Wie wirkt Animal Protection hier entgegen?

Wir versuchen der Bevölkerung, die Hund und Katzen oft nicht mal als Nutztiere sondern als „Schädlinge“ sehen zu vermitteln, dass Tiere Bedürfnisse haben, Wasser, Futter, Zuwendung und tierärztliche Betreuung benötigen. Für die Streuner haben wir lokale Futterstellen. Außerdem sorgen wir dafür, dass die herrenlosen Hunde und Katzen medizinisch kontrolliert werden, geimpft und ggf. auch behandelt.

Griechenland hat doch eigentlich ein ganz passables Tierschutzgesetz. Jedes Kind sollte wissen dass man sich strafbar macht, wenn man z. B. ein Tier aussetzt. Tierquälerei ist strafbar, es besteht per Gesetz sogar eine Kastrationsauflage. Wieso findet man trotz ausreichendem Tierschutzgesetz so viele herrenlose, gequälte, kranke und halb verhungerte Hunde hier?

Nun, die Gesetze sind zwar da, und viele Griechen wissen das auch. Es ist ihnen aber schlussendlich egal, denn niemand kontrolliert die Durchsetzung und Einhaltung der Paragraphen. Tierquäler, selbst wenn sie bekannt sind, werden nicht verfolgt. Den Behörden ist das egal. Setzt jemand regelmäßig Hunde aus oder entsorgt die Welpen auf dem Meer oder in der Mülltonne, interessiert das auch niemanden. Jeder macht es doch so. Einer deckt hier den anderen und wenn mal einer dabei ist, der Kritik übt, wird der nur milde belächelt und als Spinner abserviert.

Diese ganze Arbeit die ihr leistet, Aufklärungskampagnen, Kastrationen, medizinische Versorgung herrenloser Tiere, kostet eine Menge Geld. Wie finanziert ihr euch?

Wir finanzieren uns komplett über Spenden und Fördermitgliedschaften. Außerdem besteht die Möglichkeit, für einen Hund aus dem Tierheim eine Patenschaft zu übernehmen und so diesem Hund Futter, evtl. benötigte Medikamente oder ärztliche Behandlungen zu finanzieren. Durch unsere stetige Aufklärungsarbeit haben wir es geschafft, dass sogar Spenden von Einheimischen bei uns eintreffen, was uns natürlich sehr freut und unsere Arbeit bestätigt.

Reicht das aus für die Finanzierung oder gibt es weitere Einnahmequellen?

Die gibt es. Wir betreiben zusätzlich noch einen Second Hand Shop, der sehr gut läuft.

Einen Second Hand Shop? Für welche Waren denn?

Die Ware, die wir verkaufen, besteht komplett aus Spenden. Wir haben hier Leute, die immer schon darauf warten, dass wieder neue Kleidung eintrifft. Die Leute freuen sich regelrecht. Mit dem Erlös finanzieren wir unser Tierheim, aber auch das kleine Gehalt von Giovanni.

Aha, Giovanni der ein Gehalt bekommt. Arbeiten doch nicht alle Helfer ehrenamtlich?

Giovanni ist unser Chefbetreuer hier und der einzige, der ein kleines Gehalt erhält. Er kam mit seiner Familie aus Albanien hier her. Er hat ein gutes Händchen für die Tiere hier und macht einen super Job. Giovanni ist hier nicht mehr wegzudenken. Er begleitet z. B. auch die Hunde, die vermittelt wurden, zum Flughafen und sorgt für einen reibungslosen und für die Hunde möglichst stressfreien Ablauf der Formalitäten und Verladung ins Flugzeug. Er macht quasi einen 24 Stunden Dienst.

Animal Protection vermittelt auch Hunde, z. B. nach Deutschland. Sind die deutschen Tierheime nicht voll genug? Wieso müssen zusätzlich noch Hunde aus dem Ausland nach Deutschland vermittelt werden?

Die Vermittlung von gesunden Hunden gehört auch zu unseren Aufgaben, steht aber nicht, wie bei so vielen anderen Vereinen, an erster Stelle. Oberste Priorität hat die Eindämmung der Überpopulation durch Kastrationen.

In deutschen Tierheimen sitzen oftmals Hunde, deren Vermittlung sich sehr schwierig gestaltet. Alte Hunde z. B. oder sogenannte Listenhunde. Große Hunde sind ebenfalls schwer zu vermitteln. Nimmt ein Tierheim nun Hunde aus dem Ausland auf, was gar nicht so selten ist, wird es durch das Angebot wieder interessant, die Besucher kommen und manchmal passiert es dann auch, dass so ein Langzeitinsasse dadurch doch noch zu einem Zuhause kommt. Außerdem finanzieren sich Tierheime auch über die Vermittlung von Auslandshunden. Die Kassen sind leer…

Was ist mit Krankheiten? Die gefürchtete Leishmaniose beispielsweise, die in zahlreichen Erscheinungsbildern zu einem schleichenden Verfall der Gesundheit führt ? Schleppen die Hunde nicht die Erreger ein?

Leishmaniose wird durch den Stich der Sandmücke übertragen. Die Argumentation, die Leishmaniose positiven Hunde würden die Krankheit direkt übertragen ist also so nicht richtig. Richtig ist dagegen, dass die Sandmücke bereits im Rheinbogen und im süddeutschen Raum beheimatet ist. Und viel wahrscheinlicher, als die Übertragung der Krankheit durch einen infizierten Hund ist die Möglichkeit, dass Sandmücken unbemerkt im PKW von Touristen nach Deutschland eingeschleppt werden, sich vermehren und die Leishmaniose verbreiten. Die Klimaerwärmung schafft optimale Lebensbedingen für die Sandmücke auch hierzulande. Alle Hundehalter sind deshalb aufgefordert, ihr Tier gegen diesen und natürlich auch andere Parasiten zu schützen. Ich kenne Fälle von Leishmaniose infizierten Hunden, die noch nie im Südeuropäischen Ausland waren. Die haben sich hier in Deutschland durch den Stich der Sandmücke infiziert. Im Übrigen kann auch ein Leishmaniose positiver Hund mit der richtigen Medikation ein unbeschwertes Leben führen.

Kann jeder über Animal Protection einen Hund adoptieren?

Nein, ganz so einfach ist es nicht. Wenn jemand auf uns zukommt, weil er „seinen“ Hund auf unserer Website gefunden hat, führen wir zunächst ein ausführliches Gespräch. Interessent und Hund müssen passen. Das nehmen wir sehr genau. Ein Jagdhund wird z. B. nicht an einen Menschen vermittelt, der total unsportlich ist und lieber auf dem Sofa sitzt. Viele Interessenten wollen einen Welpen. Wenn wir denen dann, weil es einfach besser passt, einen älteren Hund anbieten und die dann auf den Welpen beharren, bekommen sie gar keinen Hund.

Nach dem Vorgespräch gibt es dann eine Vorkontrolle, d. h. wir gehen zu den Interessenten nachhause und schauen, wie das zukünftige neue Familienmitglied leben soll. Passt alles zusammen, kann der Hund in sein neues Zuhause ausreisen. Aber wirklich erst, wenn alles passt. Lieber behalten wir unsere Tiere einmal länger im Tierheim, als sie irgendwo hin zu vermitteln, wo sie kein artgerechtes Leben führen können.

Für die Vermittlung fällt eine Gebühr an. Wohin fließt das Geld?

Ja, für die vermittelten Tiere fällt eine Gebühr an. Diese deckt die Kosten für die Ausreise, den Transport bis vor Ort und die medizinische Betreuung wie Impfen und Entwurmen. Je nach dem, ob der Hund schon kastriert ist oder nicht, ist auch die Gebühr unterschiedlich hoch. Ein bereits kastriertes Tier kostet etwas mehr, weil hier ja noch zusätzliche Kosten entstanden sind. Von der Vermittlungsgebühr bleibt in der Regel aus eben genannten Gründen nichts mehr übrig. Prinzipiell fließt aber jeder nicht verwendete Cent in unser Tierheim und in die Betreuung der Straßentiere.

Frau Schrodt, angenommen die Wunschfee erscheint und erfüllt ihnen drei Wünsche. Was wünschen Sie sich?

Oh, was für eine Frage. Ja, ich wünsche mir gute und rasche Vermittlungen für unsere Hunde, vor allem für die älteren Tiere. Dann vielleicht ein Lottogewinn, damit wir ein neben dem Tierheim brach liegendes Gelände kaufen können und als Freilauf für unsere Hunde nutzen und dann… ja, vielleicht noch eine Photovoltaik – Anlage. Im Moment haben wir leider nur einen furchtbar lauten Generator.

Frau Schrodt, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Anne Schrodt fährt sich durch das kurze schwarze Haar und sagt dann schnell: „Darf ich vielleicht noch drei Wünsche für den allgemeinen Tierschutz äußern?“

Klar.

Ich wünsche mir Kastration der Tiere statt Tötung, überall da, wo es Streuner gibt. Tiere sollen nicht länger als seelenlose Wesen und Nutztiere angesehen werden und ich wünsche mir Politiker, die sich nicht wahlkamptechnisch für ein Gesetz stark machen, sondern mit dem nötigen Feingefühl und Wissen sich für die Bedürfnisse der Tiere einsetzen und so ihre Wähler beeindrucken.

Tags: Second Hand Hunde

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